Die Linke will mit zwei wenig bekannten Gesichtern in den Europawahlkampf ziehen

25. Februar 2019

Es ist ein Wagnis für die Linke: In den Europawahlkampf will sie mit zwei Spitzenkandidaten ziehen, die bundesweit bislang wenig bekannt sind.

Die nordrhein-westfälische Landespolitikerin Özlem Alev Demirel und der EU-Abgeordnete Martin Schirdewan wurden auf dem Bonner Parteitag am Samstag mit jeweils etwas mehr als 80 Prozent der Stimmen als Spitzenköpfe der Linken für die Europawahl gekürt.

Gewerkschaftssekretärin bei Verdi

Die aus der Türkei stammende Demirel musste mit ihrer links und alevitisch geprägten Familie als Fünfjährige 1989 aus der Türkei fliehen. Im Jahr 2010 zog sie für zwei Jahre in den nordrhein-westfälischen Landtag und wurde im darauffolgenden Jahr zur parlamentarischen Geschäftsführerin der Linken-Fraktion.

2014 wurde sie Bundesvorsitzende der Föderation demokratischer Arbeitervereine (DIDF) und zudem zur Linken-Landeschefin gewählt, was sie bis zum vergangenem Jahr war. 2017 führte Demirel dann die Linke als Spitzenkandidatin in die Landtagswahl, damals scheiterte die Partei knapp an der Fünf-Prozent-Hürde. Derzeit ist Demirel Gewerkschaftssekretärin bei Verdi.

Im Vorfeld des Bonner Parteitages machte die 34-Jährige keinen Hehl daraus, dass sie von der EU in ihrem jetzigen Zustand nicht viel hält. „Es heißt, die EU stehe für Demokratie, doch sie paktiert mit Despoten, um Geflüchtete fernzuhalten“, hieß es in ihrer Bewerbung: „Sie stehe für Frieden, heißt es, doch sie treibt die Militarisierung voran.“

Pro-europäischer Kurs?

Mit derlei Positionierungen stützt die streitbare Politikerin nicht gerade die Bemühungen der Parteispitze, die Linke trotz aller Kritik auf einen grundsätzlich proeuropäischen Kurs einzuschwören. Nach Überzeugung des Präsidenten der Europäischen Linkspartei, Gregor Gysi, sollte die Linke mit positiven Botschaften im Wahlkampf aufwarten.

Dem dürfte Martin Schirdewan deutlich stärker nachkommen als Demirel: Der 43- jährige Berliner, der seit 2017 dem Europaparlament angehört und nun formal auf Listenplatz eins steht, warb in seinem Bewerbungsschreiben für ein „offenes und solidarisches Europa“, das soziale Rechte stärkt. Seine Zugehörigkeit zum realpolitischen Flügel der Linken ist nicht zu übersehen: Schirdewan will „Alternativen für ein Europa formulieren, das den Menschen, die darin leben, eine gute Lebensperspektive schenkt“.

Der Linken-Politiker ist der Enkel des einstigen SED-Spitzenfunktionärs Karl Schirdewan, der in der DDR als zweiter Mann hinter Partei- und Staatschef Walter Ulbricht galt und Ende der 50er Jahre wegen seiner Kritik an der Parteispitze gestürzt wurde.

Martin Schirdewan war seit 2006 beim „Neuen Deutschland“ tätig, bevor er für die Fraktionsvorsitzendenkonferenz der Linken arbeitete. Schließlich übernahm er führende Tätigkeiten bei der parteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung in Brüssel, Athen und Madrid, bevor er 2017 ins EU-Parlament einzog.
Südkurier (AFP), 25.02.2019